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Die Auferstehung der Scheherazade -von schönen Büchern und Tänzen wie in Trance beim Saharafestival von Tataouine-
"Das Wasser wäscht den Körper, die Wüste wäscht die Seele." (arabisches Sprichwort)
Das Zelt ist ein bisschen größer als die anderen, und es ist ein bisschen schöner. Die Menschen darin lächeln besonders freundlich, geben sich besonders gastlich,
servieren Tee, plaudern mit Besuchern aus Europa wahlweise in perfektem Englisch oder Französisch. Arabisch sprechen sie nur untereinander, und Besuch von arabischen Brüdern und Schwestern aus der Umgebung bekommen sie in ihrem
Zelt diesen Nachmittag kaum. Die Zielgruppe der Fremden mit dem großen Zelt sind andere Fremde – die aus Europa. Denen schenken sie dicke Bücher, 150 Seiten starke Bildbände mit wunderschönen Fotos der Wüste, von alten
Lehmfestungen und römischen Ausgrabungen. Mit Bildern von Öl-Pipelines, Fördertürmen und moderner Hauptstadt-Architektur, aufgenommen allesamt weiter östlich. Mit vielen Fotos eines schlanken Mannes mit energischen
Gesichtszügen. Mal trägt er Uniform, öfter die traditionelle Kluft der Wüstenbewohner: Muammar al Gaddafi, umstrittener libyscher Staatschef, der dem Terrorismus vor Jahren offenbar abgeschworen hat und sich die Wiederaufnahme
seines verfehmten Landes in die internationale Staatengemeinschaft wünscht. Die Männer aus dem großen Zelt sind Libyer. Sie sind Gäste aus dem Nachbarland, die offizielle Delegation der Gaddafi-Republik beim "Festival
des Ksours", dem Sahara-Festival von Tataouine in Südtunesien. Sie nutzen den Besuch für Image-Werbung in eigener Sache, haben eine Kunst-Ausstellung im Zentrum der Gouvernorats-Hauptstadt Tataouine gesponsort und einen
Lastwagen mit Werbe-Büchern mitgebracht. Das alljährliche Fest am Rande der Wüste ist nicht mehr nur Treffpunkt für die Menschen der Region. Auch Urlauber aus den Küstenbadeorten zieht es inzwischen hierher. Ihre Busse
rumpeln am zweiten Festivaltag schon frühmorgens heran, denn am Nachmittag steht als Höhepunkt der Feierlichkeiten ein großer Festumzug auf dem Programm. Die Feriengäste aus Europa wollen das bunte, das laute, das fröhliche
Spektakel miterleben, wollen weit hinter die Kulissen ihrer Urlaubshotels schauen. Und sie bekommen das Buch der lächelnden Libyer in die Hände gedrückt. An den Festumzügen in Tataouine nehmen neben den Gastgebern aus allen
Teilen Tunesiens auch Tänzer und Musiker aus Algerien, Marokko, aus dem fernen Mauretanien teil. Und aus Libyen. Offizielle Delegationen begleiten sie – fast durchweg ältere Herren mit Hornbrille, die in ihren Anzügen
westlichen Zuschnitts so steif und verkleidet wirken, dass man sie für übriggebliebene Ostblock-Politiker aus den 1970er Jahren halten könnte. Sie hocken in der ersten und zweiten Reihe der Ehrentribüne direkt am Festgelände
und applaudieren den Akteuren artig und doch irgendwie desinteressiert. Ohne echte Begeisterung in den Augen und den Gesichtszügen. Jeder Einheimische erkennt sofort, wer die Politiker sind. Ihr Kostüm verrät sie. Den
Menschen aus Tataouine, den Berbern aus der Umgebung sind die Offiziellen egal, die Zelte und Bücher unwichtig. Sie kommen, um zu feiern, nicht um hinter den Kulissen an unsichtbaren Strippen zu ziehen, Hände zu schütteln und
vertrauliche Gespräche zu führen. Andere dürfen das gerne machen, aber ihnen ist es gleichgültig. Aus den umliegenden Ksar-Dörfern strömen sie zu Tausenden zusammen, verlassen die wehrhaften Vorratsburgen ihrer Vorfahren mit
den winzigen Kammern, in denen über Generationen das Getreide deponiert und gegen Angreifer verteidigt wurde. Erst Mitte der 1980er Jahre ist das "Festival des Ksours" wiederbelebt worden, um eine Tradition
fortzuführen, in die die Gegenwart Lücken gerissen hatte. Alle Berberstämme des Großraums sind vertreten - eine Gruppe prachtvoller gekleidet als die andere. Fünf Tage lang rückt die Regionalhauptstadt mit ihren zwar
asphaltierten, aber dennoch oft sandigen Straßen und den kargen, weiß, hellblau oder hellgrün getünchten Hauswänden in den Mittelpunkt allen Geschehens in Südtunesien. Folklore-Ensembles, Tanz- und Musikgruppen bringen
während des Festivals ihren Alltag in der farbenfrohsten Variante auf die Bühne. Und diese Bühne kann überall sein. Sie braucht kein Podest, keine Scheinwerfer. Sie kann Marktplatz oder Straßenkreuzung, Innenhof oder
Fußballfeld sein. Sie entsteht, während sich jemand entschließt, dort aufzutreten. Über Tataouine liegt in diesen Tagen ein Flair, als ob eine vieltausendköpfige Schar von Akteuren Scheherazades Erzählungen und Sindbads
Abenteuer neu inszenieren wollte. Als ob alle Helden aus 1001 Nacht gleichzeitig Auferstehung feiern. Fremde schweben gleichsam auf einem fliegenden Teppich in eine andere Zeit, als ob irgendjemand leise "Simsalabim"
geflüstert hätte. Die Stadt ist girlandengeschmückt und erfüllt von Musik und Rhythmus. Lachende Menschen scharen sich um Schlangenbeschwörer und Märchenerzähler. Tamburingetrommel vermischt sich mit quietschenden Pfeiftönen
aus dudelsackähnlichen Instrumenten. Die beschwörenden Klänge der traditionellen Ghaïda-Flöten vermengen sich mit dem unverwechselbaren Sound der N'far-Fanfaren. Geräusche, als lägen 1001 Schlangenbeschwörer darüber im
Wettstreit miteinander, wer denn nun das Reptil als erster aus dem Bastkorb lockt. Buntgewandete Menschen winden sich ekstatisch zu den Rhythmen der Wüste. Trauben von Zuschauern bilden sich um die Tänzer herum, sie klatschen
und johlen. Ein Sinnesrausch für Augen und Ohren. Immer schneller drehen sich drei Männer auf dem Platz vor dem Rathaus in ihren wallenden, weißen Djellabas um die eigene Achse. Die Fliehkraft hält ihre Gewänder fast in der
Waagerechten. Jeder von ihnen hält in der linken Hand eines der Tamburine, die hier "Bendir" genannt werden. Mit der flachen rechten Hand schlagen sie in völlig entfesseltem Tempo auf das Instrument ein. Die
Drehbewegungen beschleunigen sich mehr und mehr. Schon das Zuschauen verursacht Schwindelgefühle. Zwölf Musiker sorgen mit der ganzen Vielfalt orientalischer Klänge für die entsprechende Untermalung. Die drei Tänzer bewegen
sich wie in Trance, vermindern erst nach etlichen Minuten ihre Drehgeschwindigkeit, sinken langsam in die Hocke und knien schließlich reglos auf dem Boden. Mehrere Frauen in dunkelblauen Gewändern beginnen, die drei zu umtanzen
als brächten sie neue Kraft herbei. Ihr Goldschmuck klimpert dabei, als wäre er Bestandteil der Instrumentation. Irgendwann erheben sich die Männer wieder und beginnen ihren entfesselten Tanz aufs neue, um dann erschöpft, aber
dankbar den Beifall des Publikums entgegenzunehmen. Beim Festival stehen Hochzeits- und Geburtstagstänze, Darbietungen zu religiösen Feiertagen und sozialen Anlässen im Mittelpunkt, die in den Heimatdörfern der Akteure rund
ums Jahr –je nach Anlass- immer wieder inszeniert werden und je nach regionaler Herkunft der Gruppen oft völlig unterschiedlich ausfallen. Selbst Märchen und Legenden werden tänzerisch von Generation zu Generation
weitererzählt. Unverschleiert schreiten stolze Berberfrauen durch die Straßen, zeigen ihre ausdrucksstarken Gesichter ohne Scheu. Innerhalb ihrer Großfamilien haben Berberinnen traditionell eine höhere sozialen Stellung als
Araberinnen in konservativen Haushalten. Viele der Berberfrauen, die aus der gesamten Umgebung, aus den Oasenstädten Douz und Kebili, aus Matmata und den Ksar-Dörfern zusammengekommen sind, tragen am Kinn kleine Tätowierungen
oder Hennazeichnungen. Und ihre Haare sind rotblond. In der Bevölkerungsstatistik stellen die Berber, die Ureinwohner Tunesiens, heute nur noch eine verschwindende Minderheit dar, zumal sie im Lauf der Jahrtausende zusehends
mit anderen Bevölkerungsgruppen verschmolzen sind. Die geschichtlichen Ursprünge der Berberstämme Nordafrikas und damit auch ihrer Kultur, ihrer Tänze und Riten liegen im Dunkel der Vergangenheit verborgen. Als gesichert gilt
lediglich, dass sie schon etwa 3.000 Jahre vor den Phöniziern -also etwa 4.000 vor Christi Geburt- den Norden des afrikanischen Kontinents bis weit in die Wüstenregionen hinein besiedelt hatten. Noch heute sind die Berber in
Stämmen organisiert. Wenige pflegen die eigene Berbersprache, die -ebenso wie das Altägyptische- zur hamito-semitischen Sprachfamilie gehört. Eine Schriftform dieser Sprache existiert nicht. Schaulustige haben längst das
Dach der viel zu kleinen Ehrentribüne erklommen und lassen ihre Beine hoch über den Politikern herunterbaumeln. In Kürze sollen Hunderte von Akteuren hier vorbeiziehen. Wo das Fernsehen noch nicht jedes Haus erreicht hat,
müssen Politikerbilder ohne Hilfe von Äther und Antenne allgegenwärtig sein, um Gesichter bekannt zu machen und durch Allgegenwart Respekt zu erzeugen. Im Alltag kleben Plakate mit den Konterfeis der Würdenträger an den
Fassaden selbst in weltfernen, winzigen Dörfern. Beim Festival von Tataouine sind es junge Männer, die den Mächtigen die Anwesenheit zumindest auf Leinwand oder Fotokarton ermöglichen. In Vierer-Teams schleppen sie
großformatige Porträts der Staatsoberhäupter aus Mauretanien, Marokko, Algerien und Libyen durch den Wüstensand, das Gesicht der Herrscher zur Ehrentribüne gewandt. Ausgerechnet dorthin, wo es am vertrautesten ist. Der
tunesische Staatspräsident Zine el-Abidine Ben Ali genießt Heimvorteil. Sein Konterfei ist viermal so groß wie das der anderen und wird im Armeejeep an den Menschenmassen vorbeikutschiert. Die Offziellen auf der Ehrentribüne
haben sich erhoben, die Zuschauer applaudieren, und irgendwo in Reihe Zwei lächeln die freundlichen Libyer. Salutschüsse peitschen Richtung Himmel und vermischen sich mit den hallenden Hufschlägen herangaloppierender Pferde.
In wildem Tempo rasen Reiter heran. Ihre Pferde bäumen sich auf, tänzeln auf engstem Raum, vollführen olympiareife Pirouetten. Dutzende Musikgruppen folgen ihnen und zaubern wieder jene merkwürdigen Klänge in die Luft der
hitzeflirrenden Sahara, die vorm inneren Auge stets Schlangen aus kleinen Körbchen emporzischeln lassen. Tänzer tauchen zwischen ihnen auf, Kostümierte mit Tiermasken. Eine Eskorte von Dromedarreitern prescht auf die Tribüne
zu. Wild ballern Berber Platzpatronen vom Rücken ihrer unerwartet schnellen Dromedare aus in die Luft, um den Höhepunkt dieses grandiosen Festumzugs anzukündigen: eine "Mehari", die traditionelle Hochzeit. Im
sänftenartigen, mit Tüchern verhangenen Djahfa-Sattel auf dem Rücken eines Dromedars kauert die junge Berberbraut, verborgen unter Schleiern und kunstvollen Webarbeiten. Stolz reitet neben ihr der Bräutigam auf einem
Araberschimmel. Nie zuvor hat er das Gesicht seiner zukünftigen Frau gesehen - so zumindest verlangen es die überlieferten Regeln. Diesmal hat das Paar geschummelt, verrät einer der Männer auf dem Dach der Ehrentribüne:
"Die beiden kennen sich von Kindesbeinen an, lieben sich seit sie in Tunis zusammen studieren – er Elektrotechnik, sie Informatik." Einen Konflikt zu den Traditionen sieht er nicht: "Warum? Sie heiraten wie
ihre Großeltern. Sie bewahren die Traditionen. Aber sie leben heute. Jetzt. Und die Regeln haben sich geändert. Traditionen sind nie starr. Sie entwickeln sich, seit es sie gibt." Bei manchen Festivals werden solche
traditionellen Mehari-Hochzeiten heute zum Schein inszeniert, aber nicht mehr offiziell vollzogen. Sie sind reduziert zum farbenfrohen Höhepunkt von Folkloreveranstaltungen - geheimnisvolle Zeremonien, bei denen die Braut
seekrank zu werden droht, wenn die Djahfa im sanften Trab des Dromedars schwankt. Diese Hochzeit in Tataouine ist echt. Wieder wird rhythmisch getrommelt, wieder erscheinen Reiter, Musiker und Tänzer. Sie alle umkreisen
einander im Wechsel in immer neuen Formationen und einem Gewitter aus Akkorden. Zwanzig Minuten lang geht das so – bis ein plötzlich aufgezogener Sandsturm die Festivalakteure und -besucher minutenlang in einen Schleier
aus feinstem Staub hüllt, die Kleidung durchdringt und zwischen den Zähnen knirscht. Der Sand erinnert daran, dass die Bühne allen Lebens der Region Sahara heißt und nur die Wüste zu entscheiden hat, wann der Vorhang
fällt. Weitergefeiert wird auch nach Festumzug und Sandsturm, wenn die meisten europäischen Zuschauer längst wieder in ihren Bussen auf dem Rückweg in die Küstenhotels sind und man in Tataouine wieder unter sich ist. In
den nächsten Jahren, so zumindest wünschen es sich die Tourismusgewaltigen aus Tunis, soll das "Festival des Ksours" von Tataouine -ebenso wie die Sahara-Festivals der Oasen Douz und Tozeur- mehr und mehr
popularisiert und weiter zu Touristenattraktion ausgebaut werden. Die Gäste aus Libyen werden wieder dabei sein. Vielleicht bringen sie dann einen zweiten Lastwagen mit. Mit noch mehr schönen Büchern. Wegen der großen Nachfrage.
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